Graf von Pückler und Limpur’sche Wohltätigkeitsstiftung Gaildorf
Graf-Pückler-Heim e.V.Stiftung und ForstbetriebDas gräfliche Haus
Aktuelles & Presse

24.10.2011
Gottesdienst zum 60 jährigen Stiftungsjubiläum
Dekan Dr. Rainer Uhlmann hielt am 23.10.2011 die Predigt im Rahmen des Festgottesdienstes zum 60-jährigen Jubiläum der Stiftung. Hier die Predigt im Wortlaut:
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Liebe Gemeinde, herzlich begrüße ich Sie zu diesem Fest- und Dankgottesdienst anlässlich des 60jährigen Bestehens der Graf von Pückler- und Limpurgischen Wohltätigkeitsstiftung. Besonders begrüße ich alle Gäste, die gekommen sind, um mit uns zusammen dieses Jubiläum zu feiern. Einen weiten Weg zurückgelegt hat Graf Pückler, den ich zusammen mit seiner Frau Gemhlin herzlich willkommen heiße. Ebenso die Mitglieder des Stiftungsrats, den Geschäftsführer Matthias Rebel und seinen Vorgänger Verwaltungsdirekter i.R. Werner Volz.
Ich begrüße die Herren Abgeordneten und alle Vertreter der Stadt Gaildorf und des Gemeinderats, voran Herrn BM Eggert, Vertreter der württembergischen Diakonie, der Kirchen und Gemeinden, und nicht zuletzt der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, alle, die uns heute die Ehre geben.
Das vornehmste Gebot: Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1.Joh 4,21
Predigt:
Ein Schüler bittet einen jüdischen Gelehrten nach dem anderen „Lehre mich die gesamte Torah, solange ich auf einem Bein stehen kann!“ Alle halten es für unmöglich, bis auf Rabbi Hillel, der sagt: "Du sollst Gott lieben
und deinen Nächsten wie dich selbst, alles andere ist Kommentar. Geh hin und studiere!"
Mk 12,28-34: Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander
stritten. Und als er sah, daß er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von
allen? Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt
und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Liebe Gemeinde,
das Beispiel mit Rabbi Hillel ließe sich wunderbar abwandeln: Sage mir, wofür du stehst, solange ich auf einem Bein stehen kann. Das Wichtigste in einem Satz.
Was dann das Wichtigste ist, das hängt natürlich vom eigenen Standpunkt ab. Bei politischen Standpunkten wird ein überzeugter Wirtschaftsliberaler etwas anderes sagen als ein streitbarer Betriebsrat, ein aktiver Umweltschützer
einen anderen Schwerpunkt setzen als ein engagierter Konservativer. Worauf es einem wirklich ankommt, das hängt von eigenen Prägungen und Erfahrungen ab.
Wofür stehen Menschen, die glauben? Wovon träumen wir? Was trägt uns? Was wollen wir erreichen, wofür uns leidenschaftlich einsetzen?
Kämen wir miteinander ins Gespräch, abends bei einem Glas Rotwein, für mich dürfte gerne noch eine Zigarre dabei sein, wir könnten, je nach dem, wer da zusammen säße, stundenlang diskutieren, nachdenken, zuhören,
abwägen.
Die einen würden vom Glauben reden, von einer neuen Spiritualität, die nötig sei und die Menschen erfahren müssten, die anderen würden von sozialen Projekten schwärmen: uns Christen erkennt man daran, was wir tun und wofür wir uns einsetzen, wieder andere würden sagen, sich mit Gottes Wort auseinanderzusetzen, von der Kinderstunde über Gesprächskreise und Seminare bis hin zum Gottesdienst, das müsste doch gestärkt werden.
Der Gesprächsstoff für lange Nächte würde uns so schnell nicht ausgehen. Aber in ganz wenigen Worten sagen,
worauf es ankommt? Gar nicht so einfach.
Unser Predigttext aus dem Markusevangelium vermittelt die biblische Antwort, die sich in der jüdischen wie christlichen Tradition bewährt hat. Die beiden, die da diskutieren, brauchen gar nicht lange. Das Ganze kommt daher wie ein gepflegtes Gespräch unter Gleichgesinnten. Keiner belehrt den anderen, keiner will den andern
überfahren, so wie das sonst üblich ist in den Streitgesprächen mit den Schriftgelehrten. Nein, ganz gelassen geht es zu, ein Gespräch auf Augenhöhe.
Ein Schriftgelehrter hat Jesus eine Weile zugehört, tritt hinzu und fragt ihn: Sag mal, was ist eigentlich das höchste Gebot von allen? Worauf kommt es wirklich an im Glauben? Jesus antwortet, wie ein verständiger Lehrer im Judentum damals immer geantwortet haben würde. Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr,
unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
So benennt Jesus das Doppelgebot der Liebe. Ja, das ist das Wichtigste, darauf kommt es an. Auch Rabbi Hillel hätte so geantwortet. Lehre mich den Glauben, solange ich auf einem Bein stehen kann! Gottesliebe und Nächstenliebe
sind das Entscheidende. Zwei Worte, ganz eindeutig, alles andere ist Kommentar.
Werfen wir einen Blick in die pücklersche Geschichte, deren wir heute besonders in Dankbarkeit gedenken, so entdecken wir eine alte Familientradition, die unser Augenmerk auf die bedeutendste deutsche Heldendichtung
des Mittelalters lenkt, das Nibelungenlied. Das Lied erzählt von der Ermordung Siegfrieds durch die burgundischen Könige und von der Rache seiner Witwe Kriemhild an den Mördern. In diesem Lied von menschlicher
Ehre und Rechtfertigung taucht eine Gestalt auf, die christliches Gedankengut einfließen lässt: Rüdiger von Bechelaren.
Auf ihn führen die Pückler ihre Familientradition zurück. Trotz auch seines gewalttätigen Tods in einem Zweikampf ist Rüdiger die einzige Person im Nibelungenlied, die eine eindeutig christliche Grundhaltung
einnimmt und sich mit eigenen Worten an Gott wendet.
Drei Jahrhunderte später war Nikolaus II. von und auf Groditz der erste Pückler, der die Augsburger Konfession von 1530 annahm. Von wenigen Ausnahmen abgesehen war das Geschlecht der Pückler ab diesem Zeitpunkt
evangelisch.
Der Faden des Glaubens ist nicht abgerissen. Das letzte standesherrlichen Paar hier in Gaildorf lebte und wirkte in dieser 700 Jahre alten Linie: Gottfried (Wilhelm Maximilian, Erbgraf) von Pückler-Limpurg und Adele (Luise
Mathilde Jenny Helene, Prinzessin) von Hohenlohe-Ingelfingen. Als Vorsitzende des Frauenmissionsvereins unterstützte sie die Aufgaben der Mission und pflegte weitreichende Kontakte, vor allem auch zu Missionaren
nach Afrika. Zeitweise lebte ein Afrikaner hier in Gaildorf, dem man ermöglicht hatte, in Deutschland zu studieren.
Auch ihre zeitlebens ledige Schwester, Prinzessin Anna Luise war in leitender Stellung für die Mission tätig und kam öfters zu Besuch nach Gaildorf. Graf Gottfried, studierter Forstwirt, hatte das gleiche Anliegen und wirkte an verantwortlicher Stelle in zahlreichen Einrichtungen der Inneren und Äußeren Mission.
Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft das war für das Paar nicht nur ein Bibelspruch, sondern Lebensprogramm.
Gott lieben, das kann man nicht befehlen, das kann natürlich nur, wer tatsächlich von Gott berührt ist von dem Gott, der seine Welt und uns Menschen zuerst liebt. Seine Liebe steht am Anfang. Sie steht auch am Anfang
der zehn Worte, der zehn Gebote. Da wird noch nichts gefordert, da wird erst einmal daran erinnert: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Sklaverei geführt habe. Das ist die Erfahrung des Volkes Israel: Gott hat uns aus der Unterdrückung befreit.
Im 5. Buch Mose, ganz im Zusammenhang dieses höchsten Gebotes "Du sollst Gott lieben" ist das noch einmal wunderbar beschrieben: Nicht hat euch Gott angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als andere Völker, denn du, Israel, bist das kleinste unter allen Völkern, sondern weil er euch geliebt hat.
Die Liebe Gottes steht am Anfang. Das Volk erfährt sie bedingungslos. Die ganze Geschichte Israels erzählt davon. Auch davon, wie sie die Liebe Gottes enttäuscht und sich anderen Göttern zugewandt hatten, solchen, die den Namen Gott gar nicht verdienen, weil sie zwar erst die Herzen und Köpfe erobern, dann aber nicht halten
können, was sie versprechen. Das hat tiefe Gräben in ihre Gottesbeziehung gerissen, Gräben und Wunden, die auch an Gott nicht vorüber gingen.
Doch er bleibt trotz aller Verletzungen bei seiner Liebe: Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen. So erzählt es Jesaja gegen Ende des Exils in Babylon.
Die Liebe Gottes zu seinem Volk sie macht immer wieder den Anfang. Das höchste Gebot klingt nur wie eine Forderung: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit aller deiner Kraft. In Wirklichkeit wird hier die geradezu selbstverständliche Antwort auf all die Liebeserklärungen Gottes
beschrieben. Du wirst Gott lieben von ganzem Herzen.
Aber es ist wie im wirklichen Leben: Die Liebe zu Gott muss sich bewähren. Viele Menschen erleben Momente, wo sie wirklich von der Liebe Gottes berührt sind, eine tiefe Nähe empfinden, die Erfahrung machen: diesem Gott kann ich vertrauen, er versteht mich, trägt mich, begleitet mich.
Aber auf Verliebtsein folgt irgendwann so etwas wie Gewohnheit, Routine, Alltag. Klar: Man kann sich aufeinander verlassen. Aber diese intensiven Momente, sie lassen nach. Paare, die schon lange zusammen leben, erzählen, was für die Liebe wichtig ist: kleine Gesten erhalten die Liebe: ein Blumenstrauß, ein Dankeschön, ein
»gut, dass es dich gibt und ich mit Dir zusammen sein darf«, im Gespräch bleiben, zuhören, Anteil nehmen am Leben des andern, und schließlich: schöne gemeinsame Erlebnisse halten die Liebe lebendig.
Möglicherweise bewährt sich genau dies auch im Glauben: Wer hindert mich, auf einem Spaziergang auf dem Weiterweg, wenn ich im Tal der Stille zur Ruhe komme, für einen Weile innezuhalten und Gott zu danken für seine wunderbare Schöpfung, dafür, dass ich gesund bin, für die Menschen, mit denen ich leben darf? Das sind
kleine Gesten. Im Gespräch bleiben mit Gott: im Gebet, im Hören auf die biblischen Worte.
Und große Erlebnisse sind auch möglich: In einem besonderen Gottesdienst, bei einem Wochenende mit dem Chor, bei den großen Festen des Kirchenjahres. So kann die Liebe lebendig bleiben.
Lebendig blieb sie auch im Leben der Gaildorfer Pücklers. Obwohl oder gerade weil Graf Gottfried und Gräfin Adele der Kinderwunsch verwehrt blieb, waren besonders der Gräfin eine gute christliche Erziehung von Kindern und Jugendlichen sowie die Weiterbildung von Erwachsenen eine Herzensangelegenheit.
Sowohl die evangelische Kirchengemeinde als auch die politische Gemeinde profitierten bereits zu Lebzeiten von der freigebigen Einstellung des Paares. Angefangen vom Kochersteg über die Schenkung des Gebäudes in
der Fraschstraße, zuerst evang. Gemeindehaus, heute der Gräfin-Adele-Kindergarten, bis zu den Aufbauleistungen nach Krieg, darunter zwei Kirchenglocken und schließlich das Geschenk des Schlossgrundstücks bei der Stadtkirche. Der Stadt Gaildorf schenkte der Graf den Lindengarten und die Rennwiese, auf der sich heute die verschiedenen Hallen und ein großes Sportgelände befinden.
Im sog. Dritten Reich bekam das Grafenpaar aufgrund ihrer kritischen Einstellung zum Nationalsozialismus die Ablehnung mancher Gaildorfer zu spüren. So wurde der Gräfin das Ausleihen von Büchern aus ihrer Bücherei verboten. Man warf ihr vor, sie würde nur Bücher ausleihen, die "... gegen die Weltanschauung der NSDAP gerichtet sind".
Nicht nur materiell, auch persönlich profitierten die Gaildorfer vom Dienst des gräflichen Paares. In aller Stille half die Gräfin über Jahrzehnte hinweg in vielen Häusern der Stadt bei der Pflege und Versorgung von kranken und alten Menschen.
Zur Gottesliebe gehört die Nächstenliebe. Das ist immer noch die Kernbotschaft. Alles andere ist Kommentar, sagt der weise Rabbi Hillel.
Als der reiche Jüngling Jesus fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erhalten, da sagt er auf Rückfrage zunächst mal, er habe die zehn Gebote wohl gehalten von Jugend an. Jesus sieht ihn an und sagt zu ihm: Eins fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gibs den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben.
Leider spricht ihn das nicht an, er ging traurig davon. Aber eins wird deutlich: Nächstenliebe schaut zuerst auf die Armen. Graf Pückler musste nicht erst verkaufen, ihm wurde genommen: Am 20. April 1945, seinem 74.Geburtstag, wurde das Pücklersche Schloss durch deutsche Granaten vollständig zerstört. In dieser Zeit wurde die Familie zu allem hin auch noch von schweren Schicksalsschlägen heimgesucht, es starben eine ganze Reihe der engsten Verwandten. Graf und Gräfin legten ihren Schmerz in Gottes Hand, verzichteten auch auf einen Neuaufbau. Irdischer Besitz bedeutete ihnen nicht mehr viel, es sei denn, er könne Bedürftigen zum Nutzen sein.
Unter den Voraussetzungen heutiger Diakonie und sozialstaatlicher Infrastruktur fand dieser Wille seine Fortsetzung in der Stiftung und dem Graf-Pückler-Heim. Was sie seit langen Jahren selbst praktizierten, Fürsorge und Bildung als Grundelemente evangelischen Glaubens, wurde zur Ausrichtung des Nachfolgewerks: bedürftige
evangelische Kranke, Witwen, Kinder und Alte zu unterstützen sowie begabte evangelische Schüler und Studenten zu fördern.
Gottesliebe und Menschenliebe sind die zwei Seiten einer Medaille. Ausgesprochen ist dieses vornehmste Gebot schnell, solange man auf einem Bein stehen kann, praktiziert mit beiden Beinen und Händen, gilt es ein Leben lang. Fürsorgliches Handeln stand für Graf Pückler in unmittelbarem Zusammenhang seiner Überzeugung, die er 1947 so ausdrückte: "Es ist mein tiefes Herzensanliegen, dass ... in unserer teuren Kirche das ganze Evangelium von unserem Herrn und Meister Jesus Christus verkündet werde. Dass eine wartende Gemeinde
auferbaut werde, dass sein Reich komme, und deren Sehnen in dem Ruf zusammengefasst ist: Ach komm Herr Jesu, komme bald. Diese größte aller Hoffnungen sei uns in dieser großen Zeit der Trübsal und Not die ganze
Quelle der Kraft und des Trostes, in der Gewissheit, dass wir den König in Frieden schauen dürfen in seiner Schönheit … und Größe." Amen.
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